Bald geht es für zwei Wochen nach Zypern. Bei der Reiseplanung bin ich auf ein paar alte Ferienbilder gestossen die ich 2004 auf Zypern machte.

Damals ‚knipste‘ ich mit meiner ersten DSLR Kamera, der Fujifilm S2 Pro. Die Fujifilm hat ein Nikon Bajonett und so benutzte ich die damals bereits 15 Jahre alten Nikon Objektive aus meiner Analogzeit. Als Speicherkarte verwendete ich Kingston CF Karten mit 256 MB Speicherkapazität. Aus ‚Unwissenheit‘ fotografierte ich damals noch im JPG Format.

Ich habe ein klassischen Sonnenuntergangsfoto ausgesucht. So sieht das unbearbeitete JPG Foto aus:

Zypern - Original Aufnahme

Solche Bilder schlummern zu Tausenden auf meinem NAS Speichersystem. Ein Knipsfoto wie es hunderttausende Male aufgenommen wird. Kann man gut 10 Jahre später mehr aus einem solchen Bild heraus holen. Ich wollte es mal probieren.

Was kann man aus diesem Bild herausholen?

Zypern - Ein paar Probleme

Da wäre als erstes der kippende Horizont. In der Zeit der Analogfotografie passierte das oft. Eine nachträgliche Korrektur war schwierig. So musste man die Kamera z.B. mit einer kleinen Wasserwaage bereits bei der Aufnahme korrekt ausrichten. Im Zeitalter der Digitalfotografie gibt es jedoch keinen einzigen Grund mehr den Horizont nicht gerade zu richten. Es ist eine Arbeit von wenigen Sekunden. Da ich heute sowieso jedes Bild bearbeite, achte ich nicht ausgesprochen genau auf einen ausgerichteten Horizont bei der Aufnahme.

Ein zweites, typisches Problem ist die Belichtung. Ohne ein Verlaufsfilter kann man eine solche Lichtsituation unmöglich ausgeglichen aufnehmen. Entweder ist der Vordergrund unterbelichtet, wie in meinem Beispiel, oder der Hintergrund wird überbelichtet. Mit Hilfe von Lightroom kann man diese Lichtsituation innert kürzester Zeit korrigieren. Voraussetzung ist, dass man das Bild eher etwas unterbelichtet hat. Wird zudem im RAW Format aufgezeichnet anstatt mit JPG, kann man selbst eine kleine Überbelichtung problemlos korrigieren.

Purristen werden nun sagen, dass ich mit Lightroom das Bild verfremde und es sich somit nicht mehr um eine Originalaufnahme handelt. Da muss ich entgegnen, dass z.B. ein LEE Filterset auch nichts anderes ist als eine Art von Bildbearbeitung. Ob ich einen Verlauf digital am Computer oder optisch mit einem Glas ‚ziehe‘ kommt fast auf das Selbe heraus. Einziger Vorteil bei der Glas-Verlaufsfilter Lösung ist, dass die Korrektur bereits bei der Aufnahme stattfindet. Damit verursacht man kein digitales Rauschen oder Kontrast Ausreisser bei der nachträglichen Korrektur. Aber in 95% der Fälle sieht man das sowieso nicht.

Zurück zum Bild von 2004. Das Bildformat war an der Fujifilm mit 2:3 zwar ganz gut, aber festgelegt und nicht veränderbar. In der Zeit der Analogfotografie war das Bildformat insbesondere bei Negativen sogar grundsätzlich fest vorgegeben. Heute kann man bereits an der Kamera das Bildformat umstellen oder spätestens am Computer mit Hilfe einer Bildbearbeitungs-Software jedes beliebige Bildformat anwenden. In diesem Fall hat es mir oben und unten Bildinformationen die zur Stimmung nichts beitragen. Im Gegenteil, die vor Ort wahrgenommene Weite geht durch diese Höhe eher verloren.

So, was kann man denn nun aus so einem Ferienknipssonnenuntergangsbild herausholen?

Einfache Bildgestaltung

Ich habe folgendes verändert:

  • Als erstes habe ich den Horizont gerade gerichtet. Es ist kein Stilmittel, wenn der Horizont um 1.3 Grad nach rechts kippt. Nie! Man kann mal ein Bild bewusst schräg aufnehmen. aber kaum bei einem Landschaftsbild mit einem so deutlichen Horizont.
  • Mit dem goldenen Schnitt oder der Drittelsregel kann man fast nur gewinnen. In Lightroom kann man sich beim Freistellungswerkzeug Drittelshilfslinien oder den goldenen Schnitt anzeigen lassen. Dann legt man z.B. den Horizont auf die obere oder untere Linie. In meinem Fall auf die Obere. Der zweite Blickfang, die Sonne, wird ebenfalls auf eine Hilfslinie gelegt. Im optimalen Fall kommt die Sonne sogar in den Schnittpunkt zweier Hilfslinien. Bei der Freistellung wählte ich zudem das 16:9 Format, um eine stärkere Panorama Wirkung zu erzielen. Bei jedem Bild das man bearbeitet, sollte man sich einige Sekunden überlegen ob es Bildinformationen hat welche nichts zur Bildwirkung beitragen. Das können Äste sein, eine Leitplanke oder wie hier, einfach nur überflüssiges Wasser das man bedenkenlos abschneiden kann.
    Natürlich gibt es keine Regel ohne Ausnahme. Aber wer sich in der Bildgestaltung noch nicht so sicher ist, sollte diese Regel so oft wie möglich anwenden. Natürlich gibt es auch Bilder wo diese Regel überhaupt nicht passt.
  • Als nächstes habe ich noch eine Diagonale eingebaut. Eine oder mehrere Diagonalen ‚brechen‘ eine all zu starke Geometrie und sie führen den Blick auf dem Bild in die richtige Richtung. Es ist ja so, dass man ein Bild unbewusst liest und nicht als ein Stück betrachtet. Eine Diagonale oder eine Spiralförmige Gestaltung hilft bei der Blickführung. Diese Gestaltungselemente muss man jedoch bereits bei der Aufnahme beachten und gezielt nutzen.
  • Nun kommen wir zur Belichtung. Die Felsen im Vordergrund sind sehr dunkel. Man sieht fast keine Struktur, nur die Kontur. Lightroom bietet viele Hilfsmittel bei der Belichtung an. In erster Linie arbeitet man aber mit den vier Reglern Lichter, Tiefen, Weiss und Schwarz. Damit kann man die Belichtung schon in die Richtung bringen wie man es auf dem bearbeiteten Bild sieht. Dazu kommen noch die Regler Lichter, Helle Mitteltöne, Dunkle Mitteltöne und Tiefen. Mit Hilfe des Verlaufswerkzeuges kann man diese Korrekturen zudem auch nur auf Teilbereiche anwenden. Ich kann den Verlauf von unten über die Felsen bis in die Mitte ziehen. Dann korrigiere ich nur den unteren Teil des Bildes.
  • Was habe ich noch verändert? Genau. Ich habe einen ganz schwachen, orangen Farbton von unten über das Wasser gezogen. Denn im Original hat es eher klare Farbtöne welche meine Sonnenuntergangsstimmung etwas ausbremsen. Auch diesen Effekt kann man mit einem Farbfilter Aufsatz bereits bei der Aufnahme erzeugen. Mit Lightroom geht es einfach schneller und man kann den Farbton beliebig variieren. Spätestens ab diesem Zeitpunkt bezeichne ich mein Bild als stark bearbeitet. Denn diese zugefügte Lichtstimmung ist nicht authentisch.
  • Und jetzt kommt das ganz üble, was Puristen niemals tun würden. Bei dem Felsen gucken zwei Köpfe hervor von Leuten die an dem vorderen Felsen herum kletterten. Diese haben mich gestört und ich habe sie kurzerhand weggestempelt. Jeder muss für sich selbst entscheiden ob er das aus ‚ethischen‘ Gründen vertreten kann. 🙂
  • Kommen wir langsam zum Ende. Die ‚Sehschwäche‘ des 15 jährigen Nikon Objektives habe ich durch selektives nachschärfen ein wenig kompensiert. Den Lightroom Schärfenregler darf man getrost grosszügig anwenden. Wichtig ist nur, dass man mit dem Maskieren Regler die Schärfe nur auf die Kanten anwendet. Denn wenn der Himmel mit geschärft wird, gibt es hässliche Artefakte.
  • Um die letzte Schandtat am Bild zu begehen öffne ich das Bild mit Adobe Photoshop. Zuerst verkleinere ich das Bild auf die gewünschte Ausgabegrösse. Ohne Photoshop würde ich das beim Export direkt in Lightroom vornehmen. Aber ich verpasse praktisch jedem meiner Bilder noch einen Rahmen und das schaffe ich mit Lightroom einfach nicht. Nach anfänglicher Kreativität und vielen verschandelnden Rahmen bekommen die Bilder nun meistens nur noch einen 1 Pixel breiten schwarzen oder weissen Rahmen.
  • Nun das Bild fürs Internet optimiert abspeichern und fertig ist das Werk.
Einige Autominuten von Aya Napa entfernt
Sonnenuntergang – Einige Autominuten von Aya Napa entfernt

 

Hat sich die Arbeit gelohnt? Verglichen mit der Originalaufnahme gibt das Bild einiges mehr her? Ein schönes Bild, wenn auch etwas unscharf und verrauscht und man solche Motive schon massenhaft gesehen hat. Es ist ein Bild mit Erinnerungswert und mit dem man durchaus zeigen kann wie schön es damals im Zypern Urlaub war.

Der Aufwand für die Bearbeitung eines solchen Bildes beläuft sich auf wenige Minuten. Wenn ich von meinen 650 Zypern Bildern nun 150 aussortieren würde und im obigen Stil bearbeite, dann benötige ich drei bis vier Stunden für die Bearbeitung. Die Gestaltung des Fotobuches nimmt danach nochmals gut zwei bis drei Stunden in Anspruch. Vielleicht mache ich tatsächlich mal noch ein Fotobuch von unserer Zypern Reise.

Bildbearbeitung ja oder nein. Diese Frage muss sich letztendlich jeder für sich selbst beantworten. Ich möchte damit nur zeigen, dass man mit einer Software die nur rund 100 Franken kostet, seine Bilder mit wenig Aufwand einfach aufwerten kann. Natürlich braucht es am Anfang etwas Übung. Vielleicht lohnt sich auch ein Fotobearbeitungskurs. Aber wenn man sich ein wenig Mühe gibt kann man trotz der unendlichen Bilderflut seinen Bekannten und Freunden spannende Bilder zeigen.

Kommentar verfassen